Gudrun Gersmann / Hans-Werner Langbrandtner (Hgg.): Adlige Lebenswelten im Rheinland

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Die Herausgeber des vorliegenden Quellenbandes haben sich zwei wichtige Ziele gesetzt: Sie wollen die Geschichte des in der historischen Forschung bislang vergleichsweise wenig beachteten rheinischen Adels dokumentieren und zugleich in der Form eines an Studenten und Lehrende gerichteten Kompendiums „eine materialgestützte Annäherung an die adligen Lebenswelten der Frühen Neuzeit ermöglichen“ (X). Die Publikation entstand im Kontext eines von den Herausgebern initiierten deutsch-französischen Forschungsprojekts, welches das Forschungsdesiderat zum rheinischen Adel für die Zeit zwischen 1750 und 1850 beheben soll. [1] Ihre Entstehung profitierte dabei von der engen Kooperation der Universität Köln mit der für die Pflege der rheinischen Adelsarchive zuständigen Archivberatungsstelle des Landschaftsverbandes Rheinland sowie den Vereinigten Adelsarchiven im Rheinland e.V., in deren Schriftenreihe der Quellenband auch erschienen ist.

Unmittelbar hervorgegangen ist der Band aus einem am Historischen Seminar der Universität zu Köln im Sommersemester 2006 veranstalteten Hauptseminar. Anhand von über 80 transkribierten Quellentexten aus regionalen Adelsarchiven werden in den Kapiteln „Lebenslauf“, „Erziehung und Bildung“, „Haushaltung und Wirtschaft“, „Repräsentation“, „Quellen, Memoria und Tradition“, „Kirche und Religion“, „Hoheitsrechte“, „Gericht, Gemeinde und Untertanen“ sowie „Landesherrschaft und Niederadel“ verschiedene Bereiche der adligen Lebenswelt beleuchtet. Ergänzt werden die Transkriptionen durch 16 Tafeln mit Abbildungen eines Teils der präsentierten Quellen im Original. Die einzelnen Quellentexte sind jeweils mit einer „Erläuterung“ aus der Feder der beteiligten Autoren versehen. Die Erläuterungen bieten in vielen Fällen nicht nur eine Erklärung des Quelleninhalts, sondern stellen eigenständige Kurzbeiträge zu den in den entsprechenden Quellen verhandelten Themen dar. Dabei beziehen sie oft nicht nur die aktuelle Forschung, sondern auch weitere Quellentexte mit ein.

Die Einleitung (XII-XIX) skizziert die inhaltliche und methodische Konzeption des Bandes. Dabei wird der regionale Untersuchungsraum „Rheinland“, dem Einzugsgebiet der Vereinigten Adelsarchive im Rheinland e.V. folgend, durch die damaligen Gebiete des Kurfürstentums Köln, der Herzogtümer Jülich, Berg und Kleve sowie den östlichen Teil des Herzogtums Geldern festgelegt (XVII, Fußnote 3). Hier hätte man sich nähere Ausführungen über die konstituierenden Merkmale der historisch keineswegs klar abgrenzbaren und auch in der Forschung nicht einheitlich definierten Region „Rheinland“ gewünscht. Insbesondere wäre es hilfreich gewesen, mehr über das Profil der hier ansässigen Adelsgruppen zu erfahren, die neben verbindenden Elementen auch eine durchaus beachtliche soziale und konfessionelle Heterogenität aufwiesen. Ähnliches gilt für die zeitliche Dimension der Untersuchung, die in drei Jahrhunderten höchst unterschiedliche und den Adel jeweils spezifisch prägende Epochen umfasst.

Die Kooperation zwischen universitärer Forschung und privater Archivpflege begründet in diesem Falle eine für beide Seiten überaus fruchtbare Zusammenarbeit, die den Historikern erst den Zugang zu wertvollem und bis heute in Privatbesitz befindlichem Quellenmaterial eröffnet. Dennoch wäre an dieser Stelle eine kritischere Reflexion über die Geschichte der seit den 1920er Jahren auf Vereins- und Verwaltungsebene institutionalisierten Pflege der Erinnerung an den rheinischen Adel angebracht gewesen. Denn diese ist nach den Angaben der Herausgeber von einem späteren „Karrieristen des Dritten Reiches“ (XIV) und Vertrauten des Propagandaministers Joseph Goebbels, nämlich dem zum Reichsrundfunkintendanten aufgestiegenen Archivar Heinrich Glasmeier, maßgeblich initiiert worden. Dennoch findet sich in der Einleitung kein Hinweis auf den jüngst intensiv diskutierten Zusammenhang zwischen der Umdeutung des Adelsbegriffs und der politischen Radikalisierung in jener Zeit. [2]

Während sich die bisherige Forschung zum rheinischen Adel vor allem auf den Hochadel wie den aus dem Hause Wittelsbach stammenden Kölner Kurfürsten Clemens August (1700-1761) konzentriert hatte, nimmt der vorliegende Quellenband in erster Linie die „Perspektive des Niederadels“ (XII), also des landsässigen Adels der einzelnen rheinischen Territorien, ein. Dabei wird mit dem Konzept der „Lebenswelt“ ein bislang noch kaum auf die Adelsforschung angewandter methodischer Ansatz gewählt. Dieses Konzept geht im Kern von der Konstruktion der sozialen Wirklichkeit des Individuums durch dessen eigenes Denken und Handeln aus (Schütz, Vierhaus). Aufschlussreich dafür sind vor allem Ego-Dokumente und Selbstzeugnisse. Der vorliegende Band bietet anhand zahlreicher derartiger Quellen wie Briefen oder Tagebüchern einen eindrucksvollen Einblick in die verschiedensten Bereiche der adligen Lebenswelt. Dabei führt er auch in spezifische Quellenarten wie die in jener Zeit weit verbreiteten „Schreibkalender“ (200-205) ein.

Zumeist werden eine oder zwei aussagekräftige Quellen zu Teilaspekten der jeweiligen Kapitelthemen präsentiert. Die ausgewählten Quellen decken insgesamt sämtliche Epochen des Untersuchungszeitraumes gleichmäßig ab. Doch können so komplexe Bereiche wie Familienleben, Erziehung, Hofhaltung oder Landstände und Landtag mit jeweils einer bis drei Quellen nicht erschöpfend dokumentiert werden. Zum Thema Adel und „Militärischer Dienst“ (377-382) in der Frühen Neuzeit etwa muss ein kurfürstliches Werbepatent von 1667 als Quellenbeleg genügen. Doch geht es dem Band auch keineswegs um Vollständigkeit, sondern darum, „zumindest in exemplarischer Form einen Einblick in Lebensgewohnheiten und Existenzbedingungen des Adels ‚vor Ort'“ (XII) zu vermitteln. Dies gelingt in den meisten Fällen auf plastische Weise, etwa im Bericht über den Verlauf einer adligen Hochzeit (7-8) oder in einem Pro Memoria des Freiherrn von Fürstenberg über die Erziehung seiner Töchter (41-42).

Andere Quellen hingegen haben deutlich geringeren Erklärungswert. So sagt das Gesuch des Freiherrn von Schiller um Erlaubnis zum Fällen von Bäumen zur Instandsetzung seines Gutes (123-124) wenig über die hier eigentlich thematisierte und in der folgenden „Erläuterung“ ausführlich erörterte „Baukultur“ des Adels oder deren Relevanz für das übergeordnete Kapitelthema, nämlich die adlige „Repräsentation“, aus. Ebenso bedarf es einer breiter angelegten vergleichenden Analyse, um zu klären, inwiefern die hier präsentierten Quellen typische Elemente der Lebenswelt des Adels vermitteln oder inwieweit es sich um allgemeine bzw. um zeittypische Erscheinungen handelt. Viele der um 1800 neu definierten Werte [3] in Bereichen wie Familie, Bildung oder Beruf wurden im zeitgenössischen Diskurs in bewusster Abgrenzung vom Adel vor allem dem Bürgertum zugerechnet. Diese Dichotomisierung darf jedoch nicht vorschnell in die eigene Interpretation übernommen werden und zur Verdeckung eventuell vorhandener struktureller Analogien führen.

Dem vorgelegten Quellenband gebühren mehrere Verdienste. Zum einen macht er zu Recht auf eine bislang zu wenig beachtete Adelslandschaft aufmerksam. Zum anderen bereitet er wertvolle und für Studenten meist schwer zugängliche archivalische Quellen zu der aktuell intensiv diskutierten Geschichte des Adels auf. Zur selbstständigen Auseinandersetzung der Studenten mit diesem Forschungsgegenstand trägt auch die umfangreiche Bibliographie am Ende des Bandes bei. Für die Einordnung der Quellen sowohl in den regionalen als auch in den zeitlichen Rahmen sowie in den allgemeineren Kontext der aktuellen Adelsforschung bleibt der Benutzer des als „handliche Seminargrundlage“ (XIII) gedachten Bandes zwar auf die Heranziehung weiterer Literatur verwiesen. Insgesamt stellt der Quellenband aber ohne Zweifel eine wertvolle Anregung zur weiteren Beschäftigung mit der Geschichte des rheinischen Adels dar.

Anmerkungen:

[1] Vgl. die Projektskizze: „Aufbruch in die Moderne. Der rheinische Adel in westeuropäischer Perspektive 1750-1850“ (http://www.dhi-paris.fr/index.php?id=264).

[2] Vgl. u.a. Alexandra Gerstner: Neuer Adel. Aristokratische Elitekonzeptionen zwischen Jahrhundertwende und Nationalsozialismus, Darmstadt 2008; Stephan Malinowski: Vom König zum Führer: sozialer Niedergang und politische Radikalisierung im deutschen Adel zwischen Kaiserreich und NS-Staat (= Elitenwandel in der Moderne; 4), Berlin 2003; zu Glasmeier: Norbert Fasse: Vom Adelsarchiv zur NS-Propaganda: der symptomatische Lebenslauf des Reichsrundfunkintendanten Heinrich Glasmeier (1892-1945) (= Schriftenreihe des Jüdischen Museums Westfalen; 2), Bielefeld u.a. 2001.

[3] Vgl. u.a. Hans-Werner Hahn / Dieter Hein (Hgg.): Bürgerliche Werte um 1800. Entwurf – Vermittlung – Rezeption, Köln / Weimar / Wien 2005.

Marko Kreutzmann

Quelle:

Marko Kreutzmann:

Rezension von: Gudrun Gersmann / Hans-Werner Langbrandtner (Hgg.): Adlige Lebenswelten im Rheinland. Kommentierte Quellen der Frühen Neuzeit, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2009, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 3 [15.03.2010], URL: http://www.sehepunkte.de/2010/03/17289.html

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