Familienforschungs-Paket

Familienforschungs-Paket

Stammbaum erstellen leicht gemacht…

… lautet die Überschrift auf der Webseite zu diesem Programm. Vermutlich hätte ich dieses Programm nie beachtet, da schon die Produkttour keinen Mehrwert zu dem von mir hauptsächlich genutzten Programm erwarten lässt. Das Familienforschungs-Paket lässt sich in einer Testversion herunterladen, diese Version ist auf 20 Personen beschränkt. Der Freischaltcode kostet € 28,99. Zum Vergleich: Heredis kostet € 39,99, Ahnenblatt € 39,00, Ages! € 39,95, Legacy Family Tree 9.0 Deluxe $ 34,95 und MacKiev FamilyTreeMaker 2019 £ 79,95. Das Programm muss sich also vom Preis her mit einigen gestandenen Programmen messen lassen. Vor einigen Tagen kontaktierte mich der Autor des Programms mit der Anfrage, ob ich sein Programm testen könnte, da ich ja schon öfter Programmkritiken auf dieser Seite veröffentlicht habe. Zugegeben, die letzten Tests sind schon eine Weile her.

Nachdem mir der Autor den Downloadlink und den Freischaltcode zugesandt hat, installierte ich das Programm auf meinem Rechner. Hier setzt schon die erste Verblüffung ein. Das Programm wird, wenn man die Installation auf der Festplatte wählt, nicht unter Programm installiert, sondern unter Dokumente. Ein Vermerk über die Installation in der Systemsteuerung findet sich nicht. Es lässt sich folglich auch nicht, wie üblich, über die Systemsteuerung deinstallieren. Als Alternative gibt es die Möglichkeit, das Programm auch auf einem USB-Stick zu installieren und so auf mitzunehmen und auf jedem Windows-Rechner zu starten. Aber ersteinmal los mit dem Test, Startmenü aufrufen, Programm suchen und? Nichts. Das Programm trägt auch ins Startmenü nichts ein. Also den Desktop nach neu hinzugekommenen Icons durchsuchen, hier ist Gott sei Dank ein Icon angelegt.

Nach dem ersten Start des Programms, der erfreulich schnell verläuft, öffnet sich ein Fenster zur Eingabe der Daten der Startperson.

Eingabefenster

Dieses Fenster zeigt gleich eine erste Besonderheit. Als erstes wird das Geschlecht angegeben und dann gleich der Nachname, soweit so gut. Doch eine Zeile tiefer kann der Geburtsname angegeben werden? Dies ist ungewöhnlich. Der Familienforscher verwendet üblicherweise den Geburtsnamen als Hauptkriterium, das dieser außer durch Gerichtsbescheid kaum geändert werden kann. Nachnamen sind Schall und Rauch, da sie regelmäßig bspw. durch Eheschließung geändert werden können. Wie mann im Eingabefenster sieht, lassen sich auch Quellen angeben.

Quelleneingabe

Man kann die Bezeichnung der Quelle eingeben und den Eintrag oder die Seite. Eine Quellenverwaltung fehlt völlig. Bei der Auswertung derselben Quelle wie einem Kirchenbuch muss bei jeder Person also die komplette Angabe wiederholt werden. Darüber hinaus sind die Quellen nicht einzelnen Ereignissen zuzuordnen.

Eine Ortsverwaltung fehlt ebenfalls. Es lassen sich zwar für verschiedene Ereignisse Orte eingeben, eine Strukturierung muss man aber selber vornehmen, genauso wie man dafür sorgen muss, dass die Orte immer wieder gleich eingeben werden, da ja ein Auswahlfenster fehlt. Für die Eheschließung lässt sich gar kein Ort angeben.

Gedcom Im- und Export? Kann das Programm laut Webseite. Kann es? Na ja, kann es nicht gut. Erst einmal kommt es ja überhaupt nur mit 100.000 Personen klar. Also konnte ich meine vorbereitete Gedcom-Datei mit ca. 235.000 Personen schon einmal vergessen. Schnell eine neue Datei erstellt mit 79.664 Personen und einer Größe von 35.540 KB. Der Import dauerte etwa 54 Minuten, so dass viel Zeit für andere Sachen verbleibt. Gut, irgendwann war das Programm fertig und ich konnte ein wenig zu spielen anfangen. Die Geburtsnamen wurden zu Nachnamen umgewandelt. Die Quellen wurden nicht übernommen. Was wurde noch geändert? Einige Datumsangaben wurden geändert.

Das Programm kann also mit Datumsangaben vor Christi Geburt nicht umgehen, deshalb wurde wahrscheinlich auch das Geburtsdatum von Kleopatra nicht übernommen. Fehlten bei einigen Personen alle Lebensdaten, so hat das Programm sich aus der Gedcom-Datei einfach das Datum genommen, welches als letzte Änderung des Datensatzes (Gedcom-Tag CHAN) vermerkt war. Dies ist alles Andere als Spaßig.

Ich wollte nun mal vergleichen, wie sich die Ursprungsgedcom und eine vom Programm erstellte Gedcomdatei unterscheiden, also den Export gestartet, nach über einer Stunde immer noch das:
Warten
Um das Programm weiter zu testen, habe ich das Programm dann über den Affengriff beendet, da sich der Export nicht stoppen ließ.

Plus Minus (Auswahl)
  • schnelle Installation
  • schneller Programmstart
  • übersichtliche Eingabemaske
  • Nachname wird statt Geburtsname verwendet
  • keine Quelleverwaltung
  • keine Ortsverwaltung
  • langsamer Gedcom Im- und Export
  • Stammbaumfenster wird bei vielen Personen schnell unübersichtlich
  • Begrenzung auf 100.000 Personen
  • keine Titel oder Namenszusätze eingebbar (Gedcomtags NPFX, NSFX und SPFX)
  • keine Ortsangabe bei der Eingabe der Eheschließung möglich

Zum Abschluss noch der Vergleich der Gedcom-Dateien:

Import Export
0 @I233111@ INDI
1 NAME Jean /de Mercy/
2 GIVN Jean
2 SURN de Mercy
2 NSFX Seigneur d’Ottange
1 SEX M
1 DEAT Y
1 SOUR @S1266@
2 PAGE 14.
2 QUAY 3
1 _UID 29BED2BE54134AD29A1E1A79FB305FFDCCAD
1 CHAN
2 DATE 14 Sep 2020
3 TIME 19:51
1 FAMS @F118761@
1 FAMC @F118762@
0 @22@ INDI
1 SEX M
1 NAME Jean /de Mercy/
2 SURN de Mercy
2 GIVN Jean
1 FAMS @F11@
1 FAMC @F12@
1 DEAT
2 DATE 14 SEP 2020

Es ist also klar zu erkennen, hier werden zum einen Teil Angaben verfälscht und andere nicht übernommen.

Fazit

Alles in allem ein Programm, was für den angegebenen Zweck nicht verwendbar ist. Ich kann dem Autor nur empfehlen, es vom Markt zu nehmen und sich erst einmal ein paar Programme anzusehen und auf der Compgenwebseite einen Überblick zu verschaffen und ggf. im Genwiki über den Gedcom-Standard zu infomieren.

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Comments
  1. Hans Sonderburg sagt:

    Nach Ihrem Bericht habe ich mir das beschriebene Programm heute angeschaut. Auch ich kannte es bisher nicht. Manche Dinge sind verbesserungswürdig, woran kein Zweifel besteht. Aber die Bitte an den Hersteller, er möge das Programm vom Markt nehmen, stieß mir beim Lesen auf. Das finde ich anmaßend, Verzeihung.
    Ich finde den hier verwendeten Ansatz mit dem Eingabefeld für den Geburtsnamen gar nicht schlecht, denn das fehlt mir bei anderen Programmen. Da muss ich jedesmal eine Notiz anlegen, wie die Frau denn nun nach ihrer Heirat hieß. In der heutigen Zeit weiß man das nie. Hier ist das nützlich gelöst, denn für mich sind Nachnamen kein Schall und Rauch. Jahreszahlen aus der Antike brauche ich ebenfalls nicht.
    Viel gravierender finde ich, dass es nur ca. zehn Designs für das Stammbaum-Layout gibt. Im Jahr 2020 sollte mehr drin sein.
    Für mich kommt das Programm aber eh nicht infrage, weil ich bereits TMG nutze.

    1. dirkpeters sagt:

      Hallo Hans Sonderburg,

      jedes Genealogieprogramm arbeitet üblicherweise mit dem Geburtsnamen, da sich der Familienname in der Regel zumindest im deutschsprachigen Raum bei einem Ehepartner ändert. Spätestens mit der 2. Ehe wird es also unübersichtlich. Geburtsnamen ändern sich normalerweise nie.

      Darüber hinaus bietet das Programm keine wirkliche Quellenverwaltung, arbeitet nur bis zu 100.000 Personen, bietet keine Ortsverwaltung und man kann keinen Ort für die Ehe angeben. Ein Programm das verkauft wird, muss sich auch mit zumindest gleichteuren Programmen vergleichen lassen. Wenn ich nur mal aus 30 bis 100 Personen eine Grafik erstellen will, mag es gehen. Wenn ich jedoch Familienforschung betreiben möchte, ist dieses Programm völlig untauglich.

      Wenn dazu noch kommt, dass bei fehlenden Datumsangaben das letzte Änderungsdatum des Datensatzes beim Import als Todesdatum übernommen wird, fällt mir nicht mehr viel ein.

      Geld ist so ein Programm auf keinen Fall wert.

      Viele Grüße

      Dirk

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