{"id":531,"date":"2010-03-16T14:22:17","date_gmt":"2010-03-16T13:22:17","guid":{"rendered":"http:\/\/test.dirkpeters.net\/?p=531"},"modified":"2017-05-11T14:24:20","modified_gmt":"2017-05-11T12:24:20","slug":"gudrun-gersmann-hans-werner-langbrandtner-hgg-adlige-lebenswelten-im-rheinland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dirkpeters.info\/?p=531","title":{"rendered":"Gudrun Gersmann \/ Hans-Werner Langbrandtner (Hgg.): Adlige Lebenswelten im Rheinland"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" style=\"border-bottom: 0px; border-left: 0px; margin: 0px 10px 10px 0px; display: inline; border-top: 0px; border-right: 0px\" title=\"sehepunkte\" alt=\"sehepunkte\" src=\"..\/wp-content\/uploads\/2010\/03\/sehepunkte_thumb.jpg\" width=\"184\" border=\"0\" align=\"left\" height=\"260\"> gefunden auf <a href=\"http:\/\/www.sehepunkte.de\/2010\/03\/17289.html\" target=\"_blank\">sehepunkte.de<\/a><\/p>\n<p>Die Herausgeber des vorliegenden Quellenbandes haben sich zwei wichtige Ziele gesetzt: Sie wollen die Geschichte des in der historischen Forschung bislang vergleichsweise wenig beachteten rheinischen Adels dokumentieren und zugleich in der Form eines an Studenten und Lehrende gerichteten Kompendiums &#8222;eine materialgest\u00fctzte Ann\u00e4herung an die adligen Lebenswelten der Fr\u00fchen Neuzeit erm\u00f6glichen&#8220; (X). Die Publikation entstand im Kontext eines von den Herausgebern initiierten deutsch-franz\u00f6sischen Forschungsprojekts, welches das Forschungsdesiderat zum rheinischen Adel f\u00fcr die Zeit zwischen 1750 und 1850 beheben soll. [<a href=\"http:\/\/www.sehepunkte.de\/#fn1\" name=\"fna1\">1<\/a>] Ihre Entstehung profitierte dabei von der engen Kooperation der Universit\u00e4t K\u00f6ln mit der f\u00fcr die Pflege der rheinischen Adelsarchive zust\u00e4ndigen Archivberatungsstelle des Landschaftsverbandes Rheinland sowie den Vereinigten Adelsarchiven im Rheinland e.V., in deren Schriftenreihe der Quellenband auch erschienen ist.<\/p>\n<p>Unmittelbar hervorgegangen ist der Band aus einem am Historischen Seminar der Universit\u00e4t zu K\u00f6ln im Sommersemester 2006 veranstalteten Hauptseminar. Anhand von \u00fcber 80 transkribierten Quellentexten aus regionalen Adelsarchiven werden in den Kapiteln &#8222;Lebenslauf&#8220;, &#8222;Erziehung und Bildung&#8220;, &#8222;Haushaltung und Wirtschaft&#8220;, &#8222;Repr\u00e4sentation&#8220;, &#8222;Quellen, Memoria und Tradition&#8220;, &#8222;Kirche und Religion&#8220;, &#8222;Hoheitsrechte&#8220;, &#8222;Gericht, Gemeinde und Untertanen&#8220; sowie &#8222;Landesherrschaft und Niederadel&#8220; verschiedene Bereiche der adligen Lebenswelt beleuchtet. Erg\u00e4nzt werden die Transkriptionen durch 16 Tafeln mit Abbildungen eines Teils der pr\u00e4sentierten Quellen im Original. Die einzelnen Quellentexte sind jeweils mit einer &#8222;Erl\u00e4uterung&#8220; aus der Feder der beteiligten Autoren versehen. Die Erl\u00e4uterungen bieten in vielen F\u00e4llen nicht nur eine Erkl\u00e4rung des Quelleninhalts, sondern stellen eigenst\u00e4ndige Kurzbeitr\u00e4ge zu den in den entsprechenden Quellen verhandelten Themen dar. Dabei beziehen sie oft nicht nur die aktuelle Forschung, sondern auch weitere Quellentexte mit ein.<\/p>\n<p>Die Einleitung (XII-XIX) skizziert die inhaltliche und methodische Konzeption des Bandes. Dabei wird der regionale Untersuchungsraum &#8222;Rheinland&#8220;, dem Einzugsgebiet der Vereinigten Adelsarchive im Rheinland e.V. folgend, durch die damaligen Gebiete des Kurf\u00fcrstentums K\u00f6ln, der Herzogt\u00fcmer J\u00fclich, Berg und Kleve sowie den \u00f6stlichen Teil des Herzogtums Geldern festgelegt (XVII, Fu\u00dfnote 3). Hier h\u00e4tte man sich n\u00e4here Ausf\u00fchrungen \u00fcber die konstituierenden Merkmale der historisch keineswegs klar abgrenzbaren und auch in der Forschung nicht einheitlich definierten Region &#8222;Rheinland&#8220; gew\u00fcnscht. Insbesondere w\u00e4re es hilfreich gewesen, mehr \u00fcber das Profil der hier ans\u00e4ssigen Adelsgruppen zu erfahren, die neben verbindenden Elementen auch eine durchaus beachtliche soziale und konfessionelle Heterogenit\u00e4t aufwiesen. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr die zeitliche Dimension der Untersuchung, die in drei Jahrhunderten h\u00f6chst unterschiedliche und den Adel jeweils spezifisch pr\u00e4gende Epochen umfasst.<\/p>\n<p>Die Kooperation zwischen universit\u00e4rer Forschung und privater Archivpflege begr\u00fcndet in diesem Falle eine f\u00fcr beide Seiten \u00fcberaus fruchtbare Zusammenarbeit, die den Historikern erst den Zugang zu wertvollem und bis heute in Privatbesitz befindlichem Quellenmaterial er\u00f6ffnet. Dennoch w\u00e4re an dieser Stelle eine kritischere Reflexion \u00fcber die Geschichte der seit den 1920er Jahren auf Vereins- und Verwaltungsebene institutionalisierten Pflege der Erinnerung an den rheinischen Adel angebracht gewesen. Denn diese ist nach den Angaben der Herausgeber von einem sp\u00e4teren &#8222;Karrieristen des Dritten Reiches&#8220; (XIV) und Vertrauten des Propagandaministers Joseph Goebbels, n\u00e4mlich dem zum Reichsrundfunkintendanten aufgestiegenen Archivar Heinrich Glasmeier, ma\u00dfgeblich initiiert worden. Dennoch findet sich in der Einleitung kein Hinweis auf den j\u00fcngst intensiv diskutierten Zusammenhang zwischen der Umdeutung des Adelsbegriffs und der politischen Radikalisierung in jener Zeit. [<a href=\"http:\/\/www.sehepunkte.de\/#fn2\" name=\"fna2\">2<\/a>]<\/p>\n<p>W\u00e4hrend sich die bisherige Forschung zum rheinischen Adel vor allem auf den Hochadel wie den aus dem Hause Wittelsbach stammenden K\u00f6lner Kurf\u00fcrsten Clemens August (1700-1761) konzentriert hatte, nimmt der vorliegende Quellenband in erster Linie die &#8222;Perspektive des Niederadels&#8220; (XII), also des lands\u00e4ssigen Adels der einzelnen rheinischen Territorien, ein. Dabei wird mit dem Konzept der &#8222;Lebenswelt&#8220; ein bislang noch kaum auf die Adelsforschung angewandter methodischer Ansatz gew\u00e4hlt. Dieses Konzept geht im Kern von der Konstruktion der sozialen Wirklichkeit des Individuums durch dessen eigenes Denken und Handeln aus (Sch\u00fctz, Vierhaus). Aufschlussreich daf\u00fcr sind vor allem Ego-Dokumente und Selbstzeugnisse. Der vorliegende Band bietet anhand zahlreicher derartiger Quellen wie Briefen oder Tageb\u00fcchern einen eindrucksvollen Einblick in die verschiedensten Bereiche der adligen Lebenswelt. Dabei f\u00fchrt er auch in spezifische Quellenarten wie die in jener Zeit weit verbreiteten &#8222;Schreibkalender&#8220; (200-205) ein.<\/p>\n<p>Zumeist werden eine oder zwei aussagekr\u00e4ftige Quellen zu Teilaspekten der jeweiligen Kapitelthemen pr\u00e4sentiert. Die ausgew\u00e4hlten Quellen decken insgesamt s\u00e4mtliche Epochen des Untersuchungszeitraumes gleichm\u00e4\u00dfig ab. Doch k\u00f6nnen so komplexe Bereiche wie Familienleben, Erziehung, Hofhaltung oder Landst\u00e4nde und Landtag mit jeweils einer bis drei Quellen nicht ersch\u00f6pfend dokumentiert werden. Zum Thema Adel und &#8222;Milit\u00e4rischer Dienst&#8220; (377-382) in der Fr\u00fchen Neuzeit etwa muss ein kurf\u00fcrstliches Werbepatent von 1667 als Quellenbeleg gen\u00fcgen. Doch geht es dem Band auch keineswegs um Vollst\u00e4ndigkeit, sondern darum, &#8222;zumindest in exemplarischer Form einen Einblick in Lebensgewohnheiten und Existenzbedingungen des Adels &#8218;vor Ort'&#8220; (XII) zu vermitteln. Dies gelingt in den meisten F\u00e4llen auf plastische Weise, etwa im Bericht \u00fcber den Verlauf einer adligen Hochzeit (7-8) oder in einem Pro Memoria des Freiherrn von F\u00fcrstenberg \u00fcber die Erziehung seiner T\u00f6chter (41-42).<\/p>\n<p>Andere Quellen hingegen haben deutlich geringeren Erkl\u00e4rungswert. So sagt das Gesuch des Freiherrn von Schiller um Erlaubnis zum F\u00e4llen von B\u00e4umen zur Instandsetzung seines Gutes (123-124) wenig \u00fcber die hier eigentlich thematisierte und in der folgenden &#8222;Erl\u00e4uterung&#8220; ausf\u00fchrlich er\u00f6rterte &#8222;Baukultur&#8220; des Adels oder deren Relevanz f\u00fcr das \u00fcbergeordnete Kapitelthema, n\u00e4mlich die adlige &#8222;Repr\u00e4sentation&#8220;, aus. Ebenso bedarf es einer breiter angelegten vergleichenden Analyse, um zu kl\u00e4ren, inwiefern die hier pr\u00e4sentierten Quellen typische Elemente der Lebenswelt des Adels vermitteln oder inwieweit es sich um allgemeine bzw. um zeittypische Erscheinungen handelt. Viele der um 1800 neu definierten Werte [<a href=\"http:\/\/www.sehepunkte.de\/#fn3\" name=\"fna3\">3<\/a>] in Bereichen wie Familie, Bildung oder Beruf wurden im zeitgen\u00f6ssischen Diskurs in bewusster Abgrenzung vom Adel vor allem dem B\u00fcrgertum zugerechnet. Diese Dichotomisierung darf jedoch nicht vorschnell in die eigene Interpretation \u00fcbernommen werden und zur Verdeckung eventuell vorhandener struktureller Analogien f\u00fchren.<\/p>\n<p>Dem vorgelegten Quellenband geb\u00fchren mehrere Verdienste. Zum einen macht er zu Recht auf eine bislang zu wenig beachtete Adelslandschaft aufmerksam. Zum anderen bereitet er wertvolle und f\u00fcr Studenten meist schwer zug\u00e4ngliche archivalische Quellen zu der aktuell intensiv diskutierten Geschichte des Adels auf. Zur selbstst\u00e4ndigen Auseinandersetzung der Studenten mit diesem Forschungsgegenstand tr\u00e4gt auch die umfangreiche Bibliographie am Ende des Bandes bei. F\u00fcr die Einordnung der Quellen sowohl in den regionalen als auch in den zeitlichen Rahmen sowie in den allgemeineren Kontext der aktuellen Adelsforschung bleibt der Benutzer des als &#8222;handliche Seminargrundlage&#8220; (XIII) gedachten Bandes zwar auf die Heranziehung weiterer Literatur verwiesen. Insgesamt stellt der Quellenband aber ohne Zweifel eine wertvolle Anregung zur weiteren Besch\u00e4ftigung mit der Geschichte des rheinischen Adels dar.<\/p>\n<p>Anmerkungen:<\/p>\n<p>[<a href=\"http:\/\/www.sehepunkte.de\/#fna1\" name=\"fn1\">1<\/a>] Vgl. die Projektskizze: &#8222;Aufbruch in die Moderne. Der rheinische Adel in westeurop\u00e4ischer Perspektive 1750-1850&#8220; (<a href=\"http:\/\/www.dhi-paris.fr\/index.php?id=264\" target=\"_blank\">http:\/\/www.dhi-paris.fr\/index.php?id=264<\/a>).<\/p>\n<p>[<a href=\"http:\/\/www.sehepunkte.de\/#fna2\" name=\"fn2\">2<\/a>] Vgl. u.a. Alexandra Gerstner: Neuer Adel. Aristokratische Elitekonzeptionen zwischen Jahrhundertwende und Nationalsozialismus, Darmstadt 2008; Stephan Malinowski: Vom K\u00f6nig zum F\u00fchrer: sozialer Niedergang und politische Radikalisierung im deutschen Adel zwischen Kaiserreich und NS-Staat (= Elitenwandel in der Moderne; 4), Berlin 2003; zu Glasmeier: Norbert Fasse: Vom Adelsarchiv zur NS-Propaganda: der symptomatische Lebenslauf des Reichsrundfunkintendanten Heinrich Glasmeier (1892-1945) (= Schriftenreihe des J\u00fcdischen Museums Westfalen; 2), Bielefeld u.a. 2001.<\/p>\n<p>[<a href=\"http:\/\/www.sehepunkte.de\/#fna3\" name=\"fn3\">3<\/a>] Vgl. u.a. Hans-Werner Hahn \/ Dieter Hein (Hgg.): B\u00fcrgerliche Werte um 1800. Entwurf &#8211; Vermittlung &#8211; Rezeption, K\u00f6ln \/ Weimar \/ Wien 2005.<\/p>\n<p>Marko Kreutzmann<\/p>\n<p>Quelle:<\/p>\n<p>Marko Kreutzmann:<\/p>\n<p>Rezension von: Gudrun Gersmann \/ Hans-Werner Langbrandtner (Hgg.): Adlige Lebenswelten im Rheinland. Kommentierte Quellen der Fr\u00fchen Neuzeit, K\u00f6ln \/ Weimar \/ Wien: B\u00f6hlau 2009, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 3 [15.03.2010], URL: <a href=\"http:\/\/www.sehepunkte.de\/2010\/03\/17289.html\" target=\"_blank\">http:\/\/www.sehepunkte.de\/2010\/03\/17289.html<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>gefunden auf sehepunkte.de Die Herausgeber des vorliegenden Quellenbandes haben sich zwei wichtige Ziele gesetzt: Sie wollen die Geschichte des in der historischen Forschung bislang vergleichsweise wenig beachteten rheinischen Adels dokumentieren und zugleich in der Form eines an Studenten und Lehrende gerichteten Kompendiums &#8222;eine materialgest\u00fctzte Ann\u00e4herung an die adligen Lebenswelten der Fr\u00fchen Neuzeit erm\u00f6glichen&#8220; (X). Die &#8230; <a title=\"Gudrun Gersmann \/ Hans-Werner Langbrandtner (Hgg.): Adlige Lebenswelten im Rheinland\" class=\"read-more\" href=\"https:\/\/dirkpeters.info\/?p=531\" aria-label=\"Mehr Informationen \u00fcber Gudrun Gersmann \/ Hans-Werner Langbrandtner (Hgg.): Adlige Lebenswelten im Rheinland\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_post_was_ever_published":false,"_links_to":"","_links_to_target":""},"categories":[3],"tags":[5,69,104],"class_list":["post-531","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buecher","tag-buecher","tag-rezensionen","tag-sehepunkte"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p8HCXc-8z","jetpack-related-posts":[{"id":305,"url":"https:\/\/dirkpeters.info\/?p=305","url_meta":{"origin":531,"position":0},"title":"Die Herren und Grafen von Schwerin","author":"dirkpeters","date":"15. 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